{"id":1547,"date":"2022-08-19T08:30:03","date_gmt":"2022-08-19T08:30:03","guid":{"rendered":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/?p=1547"},"modified":"2025-08-10T15:07:53","modified_gmt":"2025-08-10T09:37:53","slug":"an-einer-utopie-arbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/readingdeleuzeinindia.org\/de\/an-einer-utopie-arbeiten\/","title":{"rendered":"An einer Utopie arbeiten"},"content":{"rendered":"<p>Es ist nun definitiv Zeit, umzudenken. Was unsere V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter als Fortschritt bezeichneten, zerst\u00f6rt unseren Planeten. Wissenschaft ist kein Selbstzweck, nicht alles, was technisch machbar ist, ist gut, nicht alles, was Spa\u00df macht und unsere Sinne befriedigt, ist sinnvoll. Jetzt h\u00f6ren wir von vielen Seiten immer wieder, uns auf die kleinen Schritte vor uns zu konzentrieren, nur so k\u00e4men wir gemeinsam voran. Dies mag gelegentlich auch richtig sein, lenkt aber vom Wesentlichen ab. Wo wollen wir eigentlich hin?<\/p>\n<p>Macht es Sinn, ins Weltall zu fliegen und dabei unsere Erde zu verbrennen? Ist es wirklich eine gute Idee, unsere extrem komplexe Biodiversit\u00e4t hier aufs Spiel zu setzen, um auf einem W\u00fcstenplaneten Wasser zu suchen und dar\u00fcber nachzudenken, wie wir dort die elementarsten Bedingungen f\u00fcr Leben k\u00fcnstlich erzeugen k\u00f6nnen? Wieso glauben so viele, dass das sinnvoll sei?<\/p>\n<h2>Wissensstrukturen<\/h2>\n<p>Es gibt Urv\u00f6lker, die seit Jahrtausenden mit der Natur im Einklang leben. Der Erfahrungsschatz w\u00e4chst sehr langsam, wird m\u00fcndlich von einer Generation an die n\u00e4chste weitergegeben. Diese m\u00fcndliche Tradition ist ein Nadel\u00f6hr. Zum einen braucht man f\u00fcr die m\u00fcndliche \u00dcberlieferung Narrative. Zum anderen ist der Informationsfluss begrenzt. Das Wissen stirbt mit dem Wissenstr\u00e4ger. Nur das, was weitererz\u00e4hlt wurde, und im Ged\u00e4chtnis behalten wurde, \u00fcberlebt. Es gibt keine wesentliche Wissensakkumulation. Veraltetes Wissen stirbt aus und wird durch neues ersetzt. Es gibt eine Wissenskonzentration und Selektion.<\/p>\n<p>In den &#8218;fortschrittlichen Zivilisationen&#8216; wird Wissen hingegen archiviert. In Wissensspeichern, wie Bibliotheken oder Netzwerken, wird alles gespeichert. Es ist f\u00fcr sehr viele Menschen zug\u00e4nglich und erlaubt eine extreme Spezialisierung. Diese Spezialisierung verliert den Kontext aus den Augen. Arbitr\u00e4re Maximen werden zu Leitmotiven: Wohlstand, Macht, Genuss. Wissen wird instrumentalisiert, um diesen Maximen zu dienen. Wir nennen dies Freiheit der Wissenschaft. Wissen wurde aus den gro\u00dfen Narrativen herausgel\u00f6st und befreit. Wir sagen s\u00e4kularisiert oder modernisiert (Galileo).<\/p>\n<p>Nun haben wir diesen Turm von angeh\u00e4uftem Wissen. In einer babylonischen Sprachverwirrung wissen wir nicht mehr, wohin wir wollen. Wir brechen das Masternarrativ und setzen Mikronarrative frei. Wir nennen das Pluralit\u00e4t oder postmodern (Lyotard).<\/p>\n<p>\u00dcber all diese wurde viel geschrieben. Wir haben eine Welt erzeugt, die wundervoll komplex ist. An vielen Orten gibt es eine schillernde Toleranz, unsere Kreativit\u00e4t wurde entfesselt und unser Geist befl\u00fcgelt. Wir haben Technologie, die es uns erm\u00f6glicht, unser Wissen, unsere Kommunikation, unsere K\u00f6rper, Raum und Zeit zu transformieren. Es macht sicherlich keinen Sinn, die Zeit zur\u00fcckdrehen zu wollen. Fr\u00fcher war nicht alles besser.<\/p>\n<h2>Biologische und geistige Wissensspeicher<\/h2>\n<p>Was mir wichtig erscheint, ist die Blickrichtung. In den Industrienationen fokussieren wir uns auf Technik. Was im Internet ist, ist real. Wir sind schon seit Langem im Hyperrealen (Baudrillard) angekommen. Erst langsam erkennen wir die Komplexit\u00e4t von biologischen und geistigen Wissensspeichern (wieder) an. Wenn Wissen in lebenden &#8218;Archiven&#8216; gespeichert ist, so ist es Teil des Lebens. Das hei\u00dft nicht, dass es immer gut ist, im Gegenteil, es ist wahrscheinlich wertneutral. Es ist aber eben Teil in eines komplexen Systems. Dieses &#8218;System&#8216; sollten wir jedoch nicht kybernetisch verstehen. Ziel ist nicht die Entschl\u00fcsselung und Nachahmung bzw. Simulation (Biomimikry). Ziel sollte es vielmehr sein, uns zu reintegrieren, wieder Teil von Natur und Bewusstsein zu werden.<\/p>\n<p>Ich denke nicht, dass dies ein R\u00fcckschritt sein muss. Ich zweifle nur an dem Glauben an eine technische Singularit\u00e4t. Die Ideologie des Silicon Valleys, dass der n\u00e4chste gro\u00dfe Schritt die \u00dcberspielung des Bewusstseins auf eine Festplatte, eine Integration im Netz oder in der Hyperrealit\u00e4t uns wirklich hilft. F\u00fcr den biologischen Menschen w\u00fcrde es eher ein Albtraum werden. Die Frage bleibt doch zu sein, warum wir das erstreben. Der Traum der Unsterblichkeit ist der Motor, im Kern der Erhalt des Selbst. Genau jene Illusion gilt es aber zu \u00fcberwinden. Wenn uns dies gelingt, als wessen Teil wollen wir uns dann verstehen? Computerprozessoren, Natur und\/oder Bewusstsein?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nun definitiv Zeit, umzudenken. Was unsere V\u00e4ter und Gro\u00dfv\u00e4ter als Fortschritt bezeichneten, zerst\u00f6rt unseren Planeten. Wissenschaft ist kein Selbstzweck, nicht alles, was technisch machbar ist, ist gut, nicht alles, was Spa\u00df macht und unsere Sinne befriedigt, ist sinnvoll. 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