Sinne – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de Bewusstsein existiert nur in Verbindung mit anderem Bewusstsein Fri, 29 Aug 2025 04:51:48 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 https://readingdeleuzeinindia.org/wp-content/uploads/2022/06/cropped-small_IMG_6014-32x32.jpeg Sinne – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de 32 32 Die Begierde der Frucht https://readingdeleuzeinindia.org/de/die-begierde-der-frucht/ Sat, 23 Aug 2025 15:08:35 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=5478

Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Früchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, nähren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und vergären, verwesen und verströmen Düfte, sie fallen ins Auge, betören die Sinne, […]]]>

Ein Apfel, eine Erdbeere, eine Melone oder eine Maracuja, eine Banane oder Pflaume, eine Tomate oder Gurke, eine Bohne oder ein Korn, eine Kokosnuss und ein Granatapfel. Früchte wollen verzehrt werden, sie wollen Genuss bereiten, nähren und zuweilen auch berauschen. Sie schillern und vergären, verwesen und verströmen Düfte, sie fallen ins Auge, betören die Sinne, erzeugen Lust und Genuss.

Sie sind ja nicht ganz zufällig so. Früchte spiegeln ein Verlangen derjenigen, die sie essen: Menschen, Pferde, Affen, Ameisen, Käfer, Vögel, Fische, Igel, Hunde und Katzen, Schnecken, Spinnen, Schlangen, Fliegen, Giraffen und Papageien. Sie alle reagieren auf verschiedene Früchte. Manche Früchte haben eine harte Schale, manche sind ganz weich. Einige sind schwer und groß, andere klein und leicht. Manche sind süß oder sauer, bitter, oder salzig, riechen intensiv oder ganz zart, stinken oder betören.

Früchte wollen gegessen werden, so bewegen sie sich fort. Ein Apfel sagt: Nimm mich mit, eine Erdbeere will auf der Zunge zerfließen, eine Maracuja bietet sich dar in ihrer Wollust, Zartheit und Intensität, eine Kokosnuss will geknackt werden, geworfen und zerstoßen werden, um ihr Fleisch und den Saft als Erfrischung zum Laben darzubieten. Die Bohne hängt und wartet, das Korn verfängt sich im Pelz, die Tomate platzt frech in ihrer Röte, vernarbt, und schmiegt sich ein, die Hand, die sie greift.

Die Frucht und das Tier vereinen sich im Genuss, in Hingabe und in der Suche. Die Belohnung findet in der Ekstase des Verzehrs statt, die Frucht erreicht ihr Ziel, das Tier ist satt, die Ekstase und der Rausch flammen auf im Verzehr. Am Ende ist das Scheißen, die Pilze brechen auseinander, was sich nicht im Feuer der Lust den Sinnen als Reiz hingab.

Diesen Beeren, Steinfrüchten, Hülsenfrüchten, Scheinfrüchten und Karyopsen geht die Blüte voraus. Jenes Duft verströmende Reizorgan der Pflanze, das sich begehren und besamen lässt. Ihr Antlitz spricht, sie lacht und öffnet sich, sie reiht sich ein in den Reigen des Kranzes. Natur erreicht hier reine Form, Kunst und Schönheit, Konstruktion, Behausung und Ruheplatz. Natur sendet ein Signal, sie kommuniziert, sie agiert im Überfluss und Rausch.

Georges Bataille (1897-1962) las ich vor vielen Jahren und kam mir in Erinnerung, als ich dies schrieb. So ließe sich sagen, dass diese Früchte nicht bloß Nahrung sind, sondern Erscheinungen des Überflusses selbst, in denen Schönheit, Lust, Verfall und Exkrement untrennbar verschränkt sind. Wie Bataille es sah, will Natur im Rausch vergeudet werden, sie findet ihre Wahrheit in der Verschwendung, in Ekstase und Überschreitung. Jede Frucht, die wir genießen, trägt damit schon die Bewegung von Leben, Tod und Überschreitung in sich.

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Wieviele Sinne haben wir? https://readingdeleuzeinindia.org/de/wieviele-sinne-haben-wir/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wieviele-sinne-haben-wir/#respond Thu, 22 Dec 2022 05:37:03 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=2594 Sonnenuntergang Auroville

Entdecke die Bedeutung der fünf Sinne und lerne, wie die Propriozeption als möglicher sechster Sinn eine Revolution darstellt. Tauche ein in die Welt der Wahrnehmung und Bewusstsein. #Philosophie]]>
Sonnenuntergang Auroville


Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich während meines Philosophiestudiums in Heidelberg gelernt habe (und ja, vielleicht hätte ich mehr von den Spinoza- und Bergson Seminaren besuchen sollen).

Bei all den Diskussionen über Wahrnehmung und Bewusstsein haben wir immer die fünf Sinne thematisiert: Sehen, Hören, Schmecken, Tasten, Riechen. Dies, so lernen wir in der aufgeklärten Philosophie, seien alle, die wir haben. Als ich dann in einem Seminar lernte, dass die Propriozeption, also die nach innen gerichtete Körperwahrnehmung, ein sechster Sinn sein könnte, galt das als Revolution.

Diese Sinne sind in der Theorie so angelegt, dass sie vom Bewusstsein aus bis zu dem Punkt reichen, wo die Außengrenzen des Körpers mit der Welt interagieren:
– Schallwellen treffen auf das Trommelfell
– Geruchsstoffe auf die Nasenschleimhäute
– Geschmacksstoffe auf die Zunge
– Der Tastsinn auf Objekte
– Licht auf die Retina

Was hinter den Körperschnittstellen in der Außenwelt liegt, die Welt an sich also, darüber können wir nichts anderes sagen als das, was uns mittels der Sinne zur Verfügung gestellt wird (Descartes). Sie ist konstruiert (Kant), in einer Epoché ausgeklammert (Husserl), jenseits der Sprache (Wittgenstein), falsifizierbar (Popper), Struktur (Saussure) etc….

Sprache

Jene banalisierten fünf Sinne haben wir in der kulturellen Evolution angeblich erweitert: mit Brillen und Mikroskopen oder Teleskopen, mit Roboter-Exoskeletten oder Mikrofonen bzw. Lautsprechern (ich denke an Marshall McLuhan).

Innerhalb des Bewusstseins gibt es also einen Zulieferer von Daten (die Sinne), die durch das Bewusstsein vereint werden und ein innerliches Bild ergeben, ein Abbild der Außenwelt. Diese Abbilder der Außenwelt sind einem wie auch immer gearteten Ich gegeben. Dieses ist zumindest eine selbstreferenzielle Struktur („Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können„, Kant)

Innerhalb des Bewusstseins selbst können wir dann feiner differenzieren: Wie sind die Bewusstseinsgehalte zusammengesetzt, was ist Erinnerung und Erwartung, Traum und Erkenntnis. Wie werden Bewusstseinsinhalte Sprache zugeordnet und welchen Sätzen korreliert welches Bewusstsein, und wann können wir dann von wahren Sätzen sprechen und wann von falschen? Da kann man dann schließlich tief in die Sprache eindringen oder in die Phänomenologie, oder die Neurowissenschaften etc…

Zurück zum Anfang

Ich möchte nochmal bei den fünf Sinnen ansetzen, weil hier etwas schiefgelaufen ist, und das Denken dann eben auch in die falsche Richtung läuft.

Die Upanischaden sind da viel klarer. Hier wird von 11 Sinnen gesprochen: 5 Sinne des Wissens – Nase, Zunge, Augen, Ohren, Haut – und 5 Sinne der Aktion – Hände, Füße, Anus, Geschlecht, Sprechen – und der elfte Sinn, das Wissen, das dann alles zusammenbringt.

Die Sinne sind hier nicht schon als skeptizistischer Super-GAU angelegt (als ein Gehirn im Aquarium, das trügerisch fünf Typen von Sinnesinformationen zugespielt bekommt, ich denke hier an Descartes), sondern als die realen Kontaktpunkte unseres Körpers zur Welt.

Das ist doch eine ganz andere Ausgangslage, die Welt zu beschreiben. Der Körper wird hier ernst genommen, er ist in der Welt, interagiert mit ihr, über mindestens 11 Kontaktpunkte. Das Wissen ist ein Wissen um das Sein in der Welt, um den eigenen Körper und die Möglichkeit zu agieren und zu wissen, aber auch ein Wissen um ein größeres Bewusstsein. Das Problem des Dualismus der westlichen Philosophie in der Nachfolge von Descartes wird hier gedehnt, auseinandergezogen, klarer. Es löst sich, nicht auf, sondern wir transformiert, flüssig, ineinanderfließend (intermiscence).

Zwischen den Extremitäten und Sinnesorganen und dem Denken selbst ist der Körper. Der Körper ist nicht nur materiell gedacht, sondern biologisch, als lebender Körper, der eine Lebenskraft (ich denke hier an Bergson) hat. Auch diese können wir eigentlich nicht wirklich leugnen, wir erfahren sie immerzu. Sie hat ihren Ursprung in Purusha – der Weltseele, dem reinen Bewusstsein (Chit) Purusha ist der Ausgangspunkt von allem.

Purusha entgegengesetzt ist Prakriti. Die Natur in ihrer Urmaterie, mit drei Eigenschaften ausgestattet: Trägheit (Materie?), Energie, und Harmonie. Und es wäre nun wirklich zu einfach, ein solches Schema zu öffnen, Purusha und Prakriti sind zwei Seiten von Shiva….

In den Upanischaden gibt es ein unglaublich komplexes System von 7 Ebenen:

  1. Materie
  2. Leben
  3. Geist
  4. Wissen (Vijnana)
  5. Bliss (Ananda)
  6. reines Bewusstsein (Chit)
  7. reine Existenz (Sat)

Und das ist nur der Anfang. Wieso denken wir im Westen so banal, rein in der Dualität von Geist und Materie?

Wer denkt beim Denken?

So richtig interessant wird es in Aurobindo’s Kommentaren zu der Kena Upanishad (Vol 18 Upanishads-II : Kena and Other Upanishads) und den Kommentaren in den Hymns to the Mystic Fire (Vol 16).

Mehr dazu später hinter dem Konzept der Intermiscence (ineinanderfließen).

 

p.s. Kann es wirklich sein, dass in der westlichen Philosophie über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende die Sexualorgane nicht als Sinne mitgemacht wurden?

 

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