Erdung im Himmel

Bewegung statt Verwurzelung

Ich fragte mich neulich, ob ich eigentlich wirklich geerdet sein möchte. Bin ich ein Baum, der seine Wurzeln in die Erde schlägt und sich nicht bewegt, sondern wächst in der Umgebung, in der der Samen einst spross? Oder möchte ich gar ein Fels in der Brandung sein, der sich umspülen lässt vom Wasser, über Jahrtausende etwas nachgibt und sich im Sand verliert?
Meine Vorstellung von menschlicher Existenz ist eigentlich eine andere, eher die der Bewegung, des Erkundens und auch Erschließens bis hin zur Beherrschung und Eroberung, der Verbindung oder des Rückzugs auf das Selbst.
Das Bilden einer Identität ist ein integrativer Prozess. Heranwachsen ist ein Durchlaufen von Stadien: Kindheit, Pubertät, Erwachsensein, Alter … Privates, Persönliches, Berufliches, Kreatives, Spirituelles sind verschiedene Felder, in denen das Selbst sich finden will, sich selbst erfährt und verliert.
In dieser komplexen Landschaft bewegen wir uns ständig. Wir schlagen keine Wurzeln, sind kein Fels in der Brandung. Und doch gibt es immer wieder Ruhephasen, in denen wir verweilen, uns besinnen, in uns ruhen. Einen solchen Zustand zu erreichen ist es, was man wohl mit Erdung meint.

Mentale Abgrenzung als Ordnung des Selbst

Mir wurde oft gesagt, ich sei gut in mentaler Abgrenzung. Ich habe das als ein Kompliment verstehen wollen, obgleich mir bewusst ist, dass es ein zweischneidiges Schwert ist. Berufliches und Privates zu trennen, Freundschaft von Liebe und von Familie zu unterscheiden oder verschiedene Begierden und Ängste auseinanderzuhalten, ermöglicht es meinem Selbst, sich in verschiedenen Gebieten – auch Randgebieten – zu verwirklichen. So dachte ich.
Ich dachte so, weil mir der Begriff des Selbst immer suspekt war. Weil ich nicht an eine Seele glaubte, weil ich zu sehr in den Bedeutungskonstruktionsmechanismen der westlichen Kultur verankert war, in denen Spezialisierung, Radikalisierung und Stilisierung einen Eigenwert haben. Dieser Eigenwert definiert Erfolg, und ich war zufrieden mit dem Erfolg den ich hatte, so dachte ich.

Durchlässigkeit, Entscheidung und gehaltenes Sein

Ich denke nun anders, und das schmerzt, bringt Euphorie hervor, erzeugt Langeweile und macht mich nervös. Ich versuche immer noch, mentale Abgrenzungen aufrechtzuerhalten, aber sie werden durchlässiger. Ich baue die Zäune in der Landschaft ab.
Führt dies aber dazu, dass ich ein paar Entscheidungen treffen muss? Vieles kann so wie zuvor nicht weiter koexistieren, so scheint es. Das frage ich mich. Kann ich mein Land bestellen? Werde ich innerlich sesshaft, oder vielleicht doch eher anspruchslos, lasse los, vertraue in größere Zusammenhänge, lasse mich treiben, leiten, lenken, werde ein Werkzeug eines Größeren.
Hier in diesem Gedanken, in der Erfahrungen eines gehaltenen Selbst ist die tiefere Bedeutung von geerdet sein. Es ist eine Erdung im Himmel. Die Upanischaden sprechen vom Banyanbaum, eine Art Feige, deren Wurzeln im Himmel sind. Der Baum ist ein Kreislauf. Und auch das Bild ist nur ein Container für ein komplexes Nervensystem, das Organe verbindet und Bewusstsein füttert.

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