Kueffkattabluemkin – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de Bewusstsein existiert nur in Verbindung mit anderem Bewusstsein Sun, 10 Aug 2025 10:00:11 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 https://readingdeleuzeinindia.org/wp-content/uploads/2022/06/cropped-small_IMG_6014-32x32.jpeg Kueffkattabluemkin – New Spirits – Reading Deleuze in India https://readingdeleuzeinindia.org/de 32 32 Meditation https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditation/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/meditation/#respond Sat, 01 Oct 2022 01:47:18 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=807

Ich habe mich immer gegen das Wort Mediation gewehrt. Vieles daran war mir suspekt. Ich habe aber zugleich seit jeher meine Formen der Meditation praktiziert, ohne diese so genannt zu haben, oder ohne sie gelernt zu haben. Für mich gehören in den Bereich der Mediation: a.) die Kontemplation, d. h. das Versinken in einen Gedanken […]]]>

Ich habe mich immer gegen das Wort Mediation gewehrt. Vieles daran war mir suspekt. Ich habe aber zugleich seit jeher meine Formen der Meditation praktiziert, ohne diese so genannt zu haben, oder ohne sie gelernt zu haben.

Für mich gehören in den Bereich der Mediation: a.) die Kontemplation, d. h. das Versinken in einen Gedanken und das gezielte Nachspüren von Gedankenimpulsen zu einem Thema, ein Umkreisen, bis das mentale Bild klarer wird und vor dem inneren Auge erscheint. b.) auf den eigenen Atem zu achten. Dabei wird der eigene Körper bewusst. D. h., durch das bewusste Ein- und Ausatmen richtet sich auch der Körper auf, die Wirbelsäule wird entlastet und die eigene physische Existenz wird bewusst. Mit diesem Existenzbewusstsein lassen sich dann neue Bewusstseinsebenen erschließen. c.) in der transzendentalen Meditation verbindet sich das Selbst mit dem allgemeinen Bewusstsein und kann nun nahezu beliebige Formen annehmen. Spannend ist in dem Zusammenhang der Begriff des Werdens. Das Selbst kann nun ganz in einem anderen aufgehen. Z. B. kann sich das Selbst öffnen oder es kann sich gedanklich in einen anderen Raum oder in eine andere Zeit versetzen. Die Gedanken sind frei. Dies sind Meditationsformen, die ich in der Regel eine halbe Stunde praktiziere.

Bei längeren Meditationen im Lotussitz von bis zu 1,5 Stunden passieren dann noch einmal ganz andere Dinge. Das hat auch etwas mit dem Schmerz zu tun, den die Sitzhaltung mit sich bringt. Ich sitze quasi durch den Schmerz hindurch. Das führt zu einer Art Trance. Diese Grenzerfahrung überschreitet die Trennung von Selbst und Welt, in ihr finde ich eine Realität, wo alles im Einklang ist.

Indien

In Indien habe ich das Gefühl, dies aufschreiben zu können, ohne wie ein Träumer zu klingen. Es fühlt sich natürlich an, dies zu tun und auch darüber zu sprechen. Vielleicht hat meine Sehnsucht nach Indien auch damit etwas zu tun. Ich habe das Gefühl, hier meinem Bewusstsein Raum geben zu können, ohne mich rechtfertigen zu müssen. Diese Erfahrungen dürfen einfach sein und müssen sich nicht dem Reduktionszwang einer materialistischen Philosophie gegenüber beweisen. Vielmehr erlaubt mir das Sein hier, das Bewusstsein überhaupt erst zu erkunden und von diesen Erfahrungen aus die Zwänge der Dreifaltigkeit, des Kapitals und der Neurobiologie überhaupt erst als solche zu verstehen.

Ich bin keine Maschine und möchte auch nicht als solche verstanden werden.

Eine schöne Beschreibung dessen, was Meditation sein kann, findet sich in den Shvetashvatara Upanischaden 2. Kapitel. in: „Die Upanischaden. Eingeleitet und übersetzt von Eknath Easwaran“ ISBN-10: 3-442-21826-8  S.294f.

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Wissen https://readingdeleuzeinindia.org/de/wissen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wissen/#respond Sun, 18 Sep 2022 05:15:38 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1877

Es gab eine Zeit in Europa, in der man davon sprach, dass es Universalgelehrte gab. In Deutschland wäre das Alexander von Humboldt, oder Goethe, in Frankreich ein Aufklärer, in Italien der Renaissance-Mann Leonardo da Vinci. In der Antike Aristoteles, sicherlich gibt es in vielen Kulturen und Epochen weise Menschen, von denen die Geschichte erzählt, sie […]]]>

Es gab eine Zeit in Europa, in der man davon sprach, dass es Universalgelehrte gab. In Deutschland wäre das Alexander von Humboldt, oder Goethe, in Frankreich ein Aufklärer, in Italien der Renaissance-Mann Leonardo da Vinci. In der Antike Aristoteles, sicherlich gibt es in vielen Kulturen und Epochen weise Menschen, von denen die Geschichte erzählt, sie hätten alles gewusst, was man seinerzeit hätte wissen können.

Das ist natürlich Quatsch. Dieses Narrativ bedient aber eine Sehnsucht. Wir wollen alles wissen, haben aber das Gefühl – zu Recht – nicht alles wissen zu können, und haben eine romantische Sehnsucht nach einer Zeit, in der dies scheinbar noch möglich war. Es stört uns nicht, dass das Wissen selbst begrenzt war – dort und dann. Es beruhigt uns aber, dass es scheinbar möglich gewesen wäre, alles zu wissen. Der Olymp könnte bestiegen werden, der Berg erklommen, auf dem die Gesetzestafeln empfangen würden. Dabei gibt es ja schon die Geschichte vom Turmbau zu Babel.

Turmbau zu Babel

In Babel wollten die Menschen alles wissen, sie bauten einen Turm, der alles Wissen beinhalten sollte. Das Resultat war eine Sprachverwirrung. Das Wissen zerfiel in viele Sprachen. Niemand spricht sie alle. In der Bibel ist das als Strafe Gottes dargestellt. Warnend sei die Arroganz bestraft worden, und der Mensch in seine Grenzen gewiesen worden. Wären wir aber nicht angeblich von Gott gestraft worden, könnten wir dann nicht vielleicht doch alles wissen? Dies ist die zentrale Frage. Wäre es prinzipiell möglich gewesen? Oder wird es in der Zukunft durch die Singularität möglich sein?

In der Philosophie stellt sich die Frage nach dem Anfang des Wissens. Auf welchem Fundament können wir das Wissen aufbauen? Logik, Ethik, Ästhetik? In der Wissenschaft geht es um die große vereinheitlichende Theorie, die den Mikrokosmos und Makrokosmos zusammenbringt. Bei der Frage nach der Natur des Menschen wird es dann schon recht unübersichtlich. Wollen wir das religiös oder spirituell angehen, oder vielleicht doch darwinistisch oder informationstechnisch, kann uns die Geschichte hier Aufschluss geben? Gänzlich verloren sind wir, wenn es um unser ästhetisches Denken geht. Die Pluralität und der mediale Overkill bieten eine reine Reizüberflutung, die wir zu genießen scheinen. Ignorance is bliss.

Antriebskraft

Es scheint doch so klar, dass wir nicht alles wissen können. Wieso versuchen wir es dann immer weiter? Was treibt uns an? Eine Sehnsucht? Wurden wir wirklich aus dem Paradies vertrieben und suchen den Weg zurück? Oder sind wir evolutionär so gestrickt, dass wir nicht anders können? Gibt uns das Gefühl, viel zu wissen, Befriedigung, Macht oder Ruhe? Wie kommen wir darauf, dass unser kleines Gehirn von etwas über 1 Kilogramm, und im Vergleich zu Elefanten (4 Kilogramm) oder Pottwalen (9 Kilogramm) doch recht bescheiden ist, das Universum entschlüsseln kann? Befinden wir uns vielleicht tatsächlich in einer Simulation und die Realität ist gar nicht das, was wir denken. Die verschiedenen Spielarten des Skeptizismus bieten hier schöne Gedankenexperimente. Vielleicht werden meine Sinne von außen manipuliert, vielleicht bin ich allein im Universum, vielleicht bin ich noch gar nicht erwacht und warte in einem Vorzimmer auf den nächsten Level…

Wir folgen einem Leistungswahn. Wenn ein Mensch etwas hervorgebracht hat, das neu ist, so wird er oder sie von der Gesellschaft gefeiert. Das treibt uns an. Wir sind fasziniert von Höchstleistungen. Wir beten sie an, oder gehen in einen Wettstreit. Nur wenige sind demgegenüber gleichgültig. Vielleicht ist es das, was uns von unseren intelligenten Mitbewohnern auf dem Planeten unterscheidet.

Wir erzeugen Bedürfnisse, um sie zu befriedigen: Wissen, Kultur, Genuss, Sinnlichkeit, Soziales, Macht… Wir streben nach mehr. Der Buddhismus sieht hier die Wurzel des Leidens. Die einzige Möglichkeit, dieses Leid zu beenden, ist das Wollen, Streben, Verlangen zur Ruhe zu bringen.

Deleuze stellt dem das Werden gegenüber. Anstatt die Welt weiter zu systematisieren, und unseren Pathologien freien Lauf zu lassen, können wir darauf achten, was wir alles werden können, anders werden, Sein statt Haben. Wir sind flexibel, flüssig, feucht.

Ich habe das Gefühl, dass die Upanischaden hier noch viel bereithalten. Alles wissen zu wollen, enthält ja auch eine Sehnsucht nach Einheit. Im 20. Jahrhundert haben wir erlebt, dass dieser Einheit etwas sehr Totalitäres innewohnt. Wann wurde diese Einheit zerbrochen? Wann wurden wir aus dem Paradies vertrieben? Lässt sich das historisch festmachen? Ist das eine absurde Frage? Lässt sich der Sündenfall umkehren oder auflösen?

 

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Geschützt: Soulmate https://readingdeleuzeinindia.org/de/soulmate/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/soulmate/#respond Mon, 29 Aug 2022 16:45:03 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1812

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Feuchte Medien https://readingdeleuzeinindia.org/de/feuchte-medien/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/feuchte-medien/#respond Sat, 27 Aug 2022 13:53:53 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1782

Unser Gehirn ist nicht der Sitz unseres Geistes, sondern das Medium, mit dem wir das Geistige erreichen können. Als ich das zum ersten Mal vor vielen Jahren auf einer Konferenz für Medientheorie gehört habe, war ich erstaunt. Meinten die das wirklich ernst? Ist das verrückt oder genial? Es gibt dieses wunderschöne altmodische Wort des ‚Feinstofflichen‘. […]]]>

Unser Gehirn ist nicht der Sitz unseres Geistes, sondern das Medium, mit dem wir das Geistige erreichen können. Als ich das zum ersten Mal vor vielen Jahren auf einer Konferenz für Medientheorie gehört habe, war ich erstaunt. Meinten die das wirklich ernst? Ist das verrückt oder genial? Es gibt dieses wunderschöne altmodische Wort des ‚Feinstofflichen‘. Unser Körper ist ein Medium, mit dem wir dies erreichen können.

Unsere Medientheorien haben in der Regel gemeinsam, dass sie technisch gedacht werden. Es gibt ein technisches Medium, mithilfe dessen Informationen zwischen verschiedenen Teilnehmern geteilt werden. Claude Shannon definierte die Medientheorie zum ersten Mal in dieser Art. Nun wird viel diskutiert, was ein Medium ist, was Information ist, wer sie sendet, warum und zu wem, mit welcher Absicht? Medien sind materielle, technische Objekte, die Informationen speichern können. Information kann natürlich auch ausgelesen werden, nur so macht sie Sinn für uns. Nur so werden Medien Teil von Gesellschaft.

Was ist eigentlich Information?

Ich habe jahrelang nach einer brauchbaren Definition von Information gesucht. Was soll das sein? Eine Struktur, ein Prozess, eine Energie? Ist sie abstrakt, so wie die Mathematik? Die Zahl 2 gibt es ja auch nicht in der realen Welt, lediglich z. B. zwei Äpfel. Abstrakte Theorien beschreiben Realität mithilfe von Konzepten, die in der sogenannten Realität gar nicht vorkommen. Das macht mich stutzig. Und es macht mich noch stutziger, dass die meisten Menschen das nicht stutzig macht. Das sei Wissenschaft und Technik, und das funktioniert. Zweifelsfrei, aber wie?

Was, wenn wir diesen technischen Medienbegriff mal beiseitelegen und uns stattdessen die feuchten Medien anschauen. Körper, Pflanzen, Tiere, (Viren und Pilze) sind feuchte Medien. Ihre DNA speichert zwar Informationen, ganz so wie die technischen Medien, doch würden wir wahrscheinlich sagen, dass die einzelnen Lebewesen nicht auf ihre DNA reduziert werden können. Sie sind mehr als das. Diese gespeicherte Information muss gewissermaßen erst aufblühen, bevor die feuchten Medien aktiviert werden. Erst wenn diese technische Information lebendig ist, kann sie mit der Welt interagieren und sie wahrnehmen. Und ja, wir versuchen derzeit mit künstlicher Intelligenz und autonomen interaktiven Systemen, eben dieses Prinzip nachzubauen.

Feuchte Medien

Viele feuchte Medien haben Bewusstsein und somit Zugang zu einem Teil von Realität, nur sie sind wirklich in der Lage, Realität wahrzunehmen. Im Gegensatz dazu verarbeiten technische Systeme Informationen in einer Simulation, die, wenn sie gut ist, der Realität entspricht. Feuchte Medien verstehen Kommunikation also nicht bloß als Informationsverarbeitung, sondern als echte Interaktion, sie sind Teil der Realität. Durch den Zugang zum Bewusstsein, zum Feinstofflichen (?), können die feuchten Medien den Zusammenhalt des Universums erkennen. Die Interaktion aller Elemente miteinander kann hier gedacht werden. Feuchte Medien können sich als Teil von Realität verstehen, weil sie eine Brückenfunktion haben zwischen dem Stofflichen und dem Feinstofflichen, zwischen Materie und Geist. Sie sind keine Simulation, sie sind nicht hyperreal. Sie sind real.

Feuchte Medien sind technischen Medien um vieles voraus. Viele haben Bewusstsein, einen Sinn für Kontext, sie sind antizipativ, emotional, holistisch, improvisieren, sind kreativ und verspielt. Feuchte Medien trainieren ihre Körper, reparieren sich selbst, sind adaptiv. Vor allem aber sind sie kommunikativ, kollektiv, sozial. Sie sind im Moment noch so viel komplexer als technische Medien.

Die Zukunft ist feucht.

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Von Gefühlen getragen https://readingdeleuzeinindia.org/de/von-gefuehlen-getragen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/von-gefuehlen-getragen/#respond Sat, 27 Aug 2022 08:24:20 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1754

Ich lebe in einer hyperkomplexen Gesellschaft. Das merke ich schon an politischen und gesellschaftlichen Themen, die eigentlich niemand mehr so wirklich in ihrer Komplexität erfassen kann. Wir können uns an Prinzipien festhalten, z. B. Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Rücksicht, Nachhaltigkeit etc.. Im Konkreten wird es dann aber auch schon schwierig. Soll ich mich in einem Konflikt […]]]>

Ich lebe in einer hyperkomplexen Gesellschaft. Das merke ich schon an politischen und gesellschaftlichen Themen, die eigentlich niemand mehr so wirklich in ihrer Komplexität erfassen kann. Wir können uns an Prinzipien festhalten, z. B. Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit, Rücksicht, Nachhaltigkeit etc.. Im Konkreten wird es dann aber auch schon schwierig. Soll ich mich in einem Konflikt auf die eine oder andere Seite schlagen, oder gibt es eine dritte Möglichkeit? Welche meiner eigenen Handlungsweisen soll ich ändern, und wie radikal soll ich das tun, welche Konsequenzen hat das? Oder wie soll ich mein Leben ausrichten? Welche Verantwortung habe ich, welche Verpflichtung und Erwartung, welche Ziele? All das ist verwoben mit sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen, die von politischen Rahmenbedingungen geprägt sind. Wie sollen wir da echte Entscheidungen treffen?

Mir scheint, dass wir oft in einem komplexen Netz irgendwie gefangen sind. Wenn wir etwas ändern wollen, dann zieht es hier und da, und in der Regel pendelt es sich dann irgendwie so ein, dass wir nicht allzu viel verändern wollen oder können. Diskutieren mit Freunden hilft, auch mit Spezialisten, je nachdem, um was es geht.

Zuhören

Ich höre viel zu, und in der Regel wollen Menschen, die reden, auch gar nicht wirklich eine Antwort, sie wollen die Gedanken einfach mal laut sortieren. Das ist auch völlig o.k. Wenn man aufmerksam zuhört, findet das Gegenüber die Antworten selbst viel schneller. Auf die eigene Intuition zu hören, das Grundgefühl zu erkunden, das ist oft das Schwierigste. Hier ist es am schwierigsten, Kompromisse zu machen.  Deshalb schauen Menschen dort auch am seltensten hin.

Neulich war ich bei einer Gruppe von sehr unterschiedlichen Menschen. In dem Abschlussplenum wurde ausgesprochen, dass diese Gruppe von einem Gefühl getragen war. Mir geht diese Phrase nicht mehr aus dem Kopf: ‚von einem Gefühl getragen zu sein‘. Sicher ist dies nicht ein Impuls, oder eine spontane Reaktion, auch kein tiefer Konflikt oder Schmerz oder Trauma, auch kein Gefühl des Begehrens, oder Euphorie…  Es ist etwas Existenzielles.

Heideggers Angst

Ich habe während meines Studiums Heidegger gelesen, seine Sprachmystik hat mich verführt. Mir war das unheimlich, aber auch unwiderstehlich. Die Frage, was Metaphysik sei, beantwortete er mit einem Gefühl, natürlich hoch reflektiert. Nach langen Ausführungen fragt er irgendwann: Wo erfahren wir das Nichts? Das, so Heidegger, können wir schon rein logisch nicht positiv beantworten. Wir können das nur in einem Gefühl erfahren, das nicht reaktiv ist, sondern existenziell. Heidegger sagt: in der Angst. Warum Angst? Warum das Nichts? Warum diese Fixierung auf den Tod? Ich habe lange gebraucht, das wieder zu vergessen. Das Vergessen ist eine schwierige Kunst. Was ich aber für mich behalten habe, ist die Einsicht, dass es o.k. ist, bestimmte Fragen nicht rational zu beantworten. Das war für mich eine Offenbarung.

Mystik

Mir ist das mystische Denken oft sehr fremd: Die Grundannahmen (Axiomatik) sind oft alles andere als transparent, die Argumentationsform irrational oder rhetorisch, die Einsichten intuitiv, der Geltungsanspruch ausgreifend. Es gibt natürlich unzählige Arten mystischen Denkens. Im Kern geht es aber doch darum, die Grenzen des Wissens – und die gibt es – zu überschreiten. Da wo Wissen aufhört, fängt Theologie und Mystik an. Da sind wir von Gefühlen getragen. Deshalb sprechen diese Denksysteme so viel von Liebe und Tod, von Grenzerfahrungen. In der kapitalistisch geprägten ‚westlichen Kultur‘ ist das ein Tabu geworden. Bzw. wir haben das einfach verlernt.

Sri Aurobindos Savitri‘ ist ein Opus Magnum, das diese Grenze überschritten hat. Sein philosophisches Werk ‚Das göttliche Leben‘ versucht, auf existenzielle Fragen rational zu antworten, in Savitri antwortet er mystisch. Mir ist, außer Spinoza vielleicht, kein Autor bekannt, der das so radikal zweifach versucht hat. Die Schriften seiner Lebensgefährtin Mirra Alfassa ergänzen das.

 

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Kinematograf – Bilder des Denkens https://readingdeleuzeinindia.org/de/kinematograf-bilder-des-denkes/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/kinematograf-bilder-des-denkes/#respond Fri, 26 Aug 2022 09:12:27 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1734

Während der Meditation schaue ich oft meinem Denken zu, lasse die Gedanken kommen und gehen und versuche, das Denken zu entschleunigen. Gedanken kommen und gehen, und oft verstehe ich nicht, woher sie kommen, und warum sie irgendwann von einem ganz anderen Gedanken abgelöst werden. Welche Assoziationskette ist da am Werk? Diese Gedankenketten scheinen zufällig zu […]]]>

Während der Meditation schaue ich oft meinem Denken zu, lasse die Gedanken kommen und gehen und versuche, das Denken zu entschleunigen. Gedanken kommen und gehen, und oft verstehe ich nicht, woher sie kommen, und warum sie irgendwann von einem ganz anderen Gedanken abgelöst werden. Welche Assoziationskette ist da am Werk? Diese Gedankenketten scheinen zufällig zu sein, angestoßen von Erlebnissen, die noch nachklingen und weiterverarbeitet werden.

Mich erinnert das an einen philosophischen Gedanken. Es fängt mit einer Beobachtung von Henri Bergson an. Er beschreibt den Kinematografen, einen Apparat aus dem späten 19. Jahrhundert, der sowohl Filme aufnimmt, als auch abspielen kann. Der Kinematograf nimmt viele Bilder pro Sekunde auf. In der Filmtheorie spricht man von 25 Frames per Second, nehmen wir ruhig diese Zahl. Also 25 Bilder pro Sekunde. Wenn so viele Bilder hintereinander projiziert werden, haben wir die Illusion von Bewegung, das ist die Magie des Kinos. Natürlich, die Bewegung ist lediglich in den Zahnrädern des Kinematografen, die wahrgenommene Bewegung der Gegenstände auf der Leinwand ist eine Lüge. Bergson ist da sehr deutlich. Das Kino könne nicht das Leben einfangen. Der Elan Vital findet sich nicht im Kino. Das leuchtet erstmal ein.

Walter Benjamin

Walter Benjamin war da etwas optimistischer. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit beschäftigt sich damit. Die Fotografie bedroht die Malerei, vielleicht… ich bin mir da nicht so sicher. Die Aura ginge verloren im technisch reproduzierten Bild, ja wahrscheinlich… hier hört die Rezeption von Benjamin dann aber oft schon auf. Interessant wird es bei Benjamin aber danach, wenn er über das Kino spricht. Die 25 Bilder pro Sekunde befreien die Schauspieler von dem Zwang der Bühne, durch den Schnitt können andere Narrative entstehen, der Raum, die Zeit werden zum Objekt künstlerischer Gestaltung. Die Kunst nutzt die Möglichkeiten des Kinematografen kreativ.

Gilles Deleuze

Gilles Deleuze treibt das quasi auf die Spitze. Seine Bücher über das Kino sind legendär unverständlich. Er fängt mit der Diskussion von Bergsons Kinematografen an. Deleuze teilt Bergsons Analyse, Bergsons Fehler sei aber, den Gedanken nicht zu Ende gedacht zu haben. Die Einzelbilder, die die Bewegung nur als Illusion erzeugen können, haben gar nicht die Aufgabe, Realität zu kopieren, lebendig zu sein. Sie sind, so Deleuze, Gedanken auf Celluloid. Kino ist reine Philosophie, der Filmstreifen fixiertes Denken. Nirgendwo sonst ist das Denken so real festgehalten wie im Kino. Über Kino nachzudenken, ist deshalb Philosophie zu betreiben. Deshalb sind Deleuze Analysen von Filmen so unverständlich. Wenn wir die Geschichte hinter dem Film suchen, dann sind wir bei Deleuze völlig falsch. Wenn wir aber Film als philosophisches Medium begreifen, dann hat Deleuze die Latte sehr hoch gehängt.

Wenn ich meditiere, so schaue ich manchmal meinen Gedanken zu. Das erinnert mich an Deleuze ‚Filmtheorie‘ (er hätte das wohl nie so genannt). Bei Deleuze gibt es keine Theorie, für ihn gibt es nur das Denken selbst. Er hat da einiges beigetragen, und wie er selbst in seinem ABCDaire sagt, kann man sich schon sehr glücklich schätzen, wenn man in seinem Leben eine Handvoll neuer Ideen gefunden hat. Die Bewegung des Denkens ist ein Abenteuer, Philosophie ist seine reinste Form. Theorie: Ihr Tod. Deleuze lesen heißt, ihn anders zu denken. Ihn zu referieren, wäre vielleicht gar eine Beleidigung.

2016 bin ich zum ersten Mal nach Indien, ich habe die Reise ReadingDeleuzeinIndia2016 genannt, ich habe das Jahr entfernt, und es ist der Titel dieses Blogs geworden. Warum in Indien? Weil Deleuze Art zu denken letztlich zutiefst spirituell ist. Er würde da nicht zustimmen, aber vielleicht würde es ihn freuen.

 

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Wie baut man eine Stadt? https://readingdeleuzeinindia.org/de/wie-baut-man-eine-stadt/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wie-baut-man-eine-stadt/#respond Wed, 24 Aug 2022 19:43:49 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1694

Ich lasse mich auf ein Experiment ein. In Auroville wird eine Stadt gebaut. Sie ist der Menschheit gewidmet. Es geht um die Erforschung des Bewusstseins, um Spiritualität und Einheit. Die UNESCO unterstützt das Projekt, der Staat Indien, viele Menschen auf der Welt. Es gibt eine Charta, einen Plan, viele Pläne, viele Meinungen, Fortschritt und Schwierigkeiten. […]]]>

Ich lasse mich auf ein Experiment ein. In Auroville wird eine Stadt gebaut. Sie ist der Menschheit gewidmet. Es geht um die Erforschung des Bewusstseins, um Spiritualität und Einheit. Die UNESCO unterstützt das Projekt, der Staat Indien, viele Menschen auf der Welt. Es gibt eine Charta, einen Plan, viele Pläne, viele Meinungen, Fortschritt und Schwierigkeiten. Nobody is perfect…

Ich fahre dahin, um zu helfen, und so möchte ich nun nicht vor meiner Ankunft dort kommentieren. Das wäre völlig anmaßend. Ich frage mich aber, was ich dort suche oder hoffe zu finden. Wer macht so etwas, eine Stadt zu bauen, die ohne Geld und Zwänge funktionieren möchte? Warum machen das nicht alle? Wie macht man so etwas?

Die meisten Städte sind irgendwie historisch gewachsen, es gab irgendwann mal eine erste Siedlung, dann Ackerbau und Konstruktion. Wohlstand und Krieg mit Nachbarn. Wachstum, Zerstörung, Umbau … Wahrscheinlich zwischendurch immer wieder Ideen von Herrschenden, oder Architekten. Mal wurden Dinge verbessert, mal wurden Interessen durchgesetzt. Mal gab es wenige Profiteure, mal hat die Community profitiert, zuweilen auch beides zusammen oder gegeneinander. Dieses organische Wachstum kann man Städten ansehen. Wenn man sie zu lesen weiß, kann man anhand der Architektur, der Straßenverläufe und Straßennamen, der Brunnen und Parks, der Schulen und Verwaltungsgebäude, der Villen und Fabriken diese Geschichte sehen, spüren, sie wird gelebt, sie ist real. Das Materielle bestimmt das Bewusstsein. Dieses organische Gebilde wird genutzt, befragt, gestaltet, es unterdrückt und ermöglicht, es inspiriert oder deprimiert.

Ziele definieren?

Wenn man nun aber eine Stadt neu baut, was sind dann die Richtlinien? Was ist der Zweck? Wie soll eine Gesellschaft organisiert werden? Soll ein Architekt sich da etwas ausdenken oder soll eine Gemeinschaft sich das gemeinsam überlegen? Ich denke, hier fängt es schon an, kompliziert zu werden. Vielleicht einigt sich eine Gemeinschaft auf einen Plan. Wie läuft so ein Prozess ab? Man überlegt sich: Wie viele Menschen sollen da leben, was brauchen sie? Wohnungen, Essen, Bildung. Wer macht was?

Worum geht es dabei? Soll das eine Siedlung werden, die einen wirtschaftlichen Überschuss produziert, militärisch stark ist, sich den Künsten widmet, spirituell ist? Ist das eine Stadt, die sich starke Regeln auferlegt, oder auf Respekt vertraut? Welche Prinzipien soll es geben? Wir haben Jahrtausende gebraucht, die Menschenrechte zu formulieren. Sicherlich sollen die dort auch gelten, oder? Und was noch, oder was nicht?

Le Corbusier, Buckminster Fuller – es gibt da Architekten und Künstlervisionen. Aber auch politische Ideen: die Commune, der Kibbuz, das Kollektiv. Es gibt die Unternehmer, z. B. Werner von Siemens. Wissenschaftler machen Pläne für eine Stadt auf dem Mond oder Mars. Die Frage wurde ja schon oft gestellt und oft beantwortet. Wie geht man mit diesem Diskurs um? Wollen wir aus den Fehlern der Generäle z. B. lernen? Würde das helfen?

Gab es Atlantis? Was ist relevant?

 

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Ideengeschichte https://readingdeleuzeinindia.org/de/ideengeschichte/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/ideengeschichte/#respond Tue, 23 Aug 2022 17:19:39 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1587

Ich liebe die Komplexität, manchmal aber auch die radikale Vereinfachung – um etwas Klarheit zu bekommen. Z. B. die Ideengeschichte in der bildenden Kunst. In Europa, nach der großen Völkerwanderung, lässt sich die Kunstgeschichte als Ideengeschichte holzschnittartig skizzieren: In der mittelalterlichen Kunst wurden Geschichten visuell erzählt – hauptsächlich die Geschichten der Bibel. Die meisten Menschen […]]]>

Ich liebe die Komplexität, manchmal aber auch die radikale Vereinfachung – um etwas Klarheit zu bekommen. Z. B. die Ideengeschichte in der bildenden Kunst. In Europa, nach der großen Völkerwanderung, lässt sich die Kunstgeschichte als Ideengeschichte holzschnittartig skizzieren:

  • In der mittelalterlichen Kunst wurden Geschichten visuell erzählt – hauptsächlich die Geschichten der Bibel. Die meisten Menschen konnten ja nicht lesen, schon gar nicht Latein, oder Griechisch. Die Holztafelmalerei der Altäre ist also eine Art Comic, und ebenso frei in der räumlichen Ordnung, Perspektive, Relation der Objekte.
  • In der Renaissance wurden Konstruktionsprinzipien des Verstandes angewendet: Zentralperspektive, Farbtheorie, visuelle Effekte wie Sfumato etc… Es ging darum, zu zeigen, dass Künstler eine Illusion konstruieren können.
  • Im Barock wurde der Raum gefasst. Der Kirchenraum wurde gefaltet, die Sinne stimuliert, die Malerei verführte, die (Kunst-)Gegenstände standen für sich selbst.
  • Im Rokoko wurde der Adel belustigt. Teils sehr schlechter Geschmack und Innenarchitektur dienten als Spektakel – höfisch, dekadent.
  • Der Klassizismus war eine ethische Korrektur. Die klassischen Werte und Prinzipien der Antike wurden wieder heraufbeschworen.
  • Im Realismus ging es nun zum ersten Mal wirklich darum, die Welt, wie wir denken, dass sie sei, künstlerisch zu fassen. Hübsch und hässlich, banal und erhebend…
  • Im Impressionismus dann die philosophische Reflexion auf den eigenen Wahrnehmungsapparat. Wir können ja nur das darstellen, was wir wahrnehmen. Die Realität jenseits unserer Sinne entzieht sich der Darstellung.
  • In der Abstraktion, die eigentlich gar keine ist, geht es um innere Formen des Geistes.

Es ließe sich eine beliebig lange Liste solcher radikalen Vereinfachungen anfertigen. Schön ist aber zu sehen, dass es hier eine dialektische Bewegung gibt. Etwas Neues wird ausprobiert, bis erkannt wird, dass eine Grenze erreicht wurde. Die Gestaltungsprinzipien verkehren sich ins Gegenteil. Dies ist Fortschritt, sagen wir. Die ‚europäische Elite‘ wird immer ‚besser‘. Es mag etwas dran sein an dieser Ideengeschichte, aber was wird hier sichtbar? Was kann zu bestimmten Zeiten warum nicht formuliert werden? Sind Delacroix’ Zeichnungen nicht reiner Impressionismus? Ist Grünewalds Porträtkunst nicht reiner Realismus? Und ist die Formensprache mittelalterlicher Kunst nicht reine, konkrete Kunst?

Kunst Theorien

Wer hat diese Geschichte erzählt? Vasari, Gombrich, Panofsky? Warum wurde sie so erzählt? Und wer hatte zuvor gesammelt und aussortiert in den Wunderkammern und Kuriositätenkabinetten, den Privatsammlungen von Schlossherren und den Priestern der Kirchenräume? Und was wurde in den Revolutionen verbrannt, das wir danach nie mehr zu Gesicht bekommen haben?

Ich habe immer ein philosophisches Interesse an den Medien der Kunst gehabt. Selten habe ich die Künstlerbiografien angeschaut. Die philosophische Kunstkritik eines Roland Barthes z. B. fand ich immer spannender, oder philosophische Theorie von Danto, Deleuze oder Foucault. Auch hier ließe sich eine lange Liste erzeugen, auch hier geht es nicht um die einzelnen Details. Die Perspektive ist wichtig. Kunst entsteht im Betrachter. Kunst ist neben ästhetischer Erfahrung für mich auch immer Denkarbeit  – gewesen. Das hat sich für mich nun geändert.

Die Geschichte des Fortschritts oder der Reflexion, des Expertentums und der Kontextualisierung, die philosophische Medienanalyse und jede Art von Wertschöpfung, ideologischem Überbau und Machtstruktur verlieren zunehmend mein Interesse. Die Kunst ist tot, lang lebe die Kunst. Das war nicht nur zur Zeit der Avantgarde ein beliebtes Motto. Es drückt aus, wie eine Gesellschaft mit Kunst umgeht. Sie ist ein Objekt, ein sehr interessantes Objekt, jedoch ein Objekt. Das Geistige in der Kunst, wie Kandinsky z. B. es sah, geht in der Ideengeschichte unter. Die Museen als säkulare Kunsttempel, und die Galerien als kapitalistische, ideologische Verstärker treiben der Kunst das Geistige aus. Wenn die Kunst im Betrachter liegt, dann ist sie überall, am wenigsten jedoch in den Museen, Galerien, Kirchen und Sammlungen.

Erwartungen

Vielleicht ist aber meine Erwartung einfach zu hoch. Kunst ist doch in unserer Kultur das höchste Gut, so lernte ich es. In ihr treffen die menschliche Erfahrung, das Wissen und die Bildung, die Perfektion, der Genuss und die Reflexion aufeinander. Kunst ist die höchste Kunst. Ihr gebührt Respekt, sie ist Inspiration, im Genie vollkommen und für Normalbürger unfassbar.

Vielleicht sollten wir die Kunst wieder von diesem Podest nehmen und als Kunsthandwerk sich in Beliebigkeit verlieren lassen. Vielleicht sollten wir aber auch die Kunst als das enttarnen, was sie ist, immer auch eine Lüge. Einen gemalten Apfel kann ich schließlich nicht essen. Kunst ist für mich aber vor allem eins: Gegenstand von Meditation. Kunst ist Konzentration und Offenheit. Kunst verlangt nach Interpretation durch Anschauung. Nur so ist sie lebendig. Ich kann sie überall finden, auch in Museen, Galerien, Kirchen und Sammlungen.

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It takes a village https://readingdeleuzeinindia.org/de/it-takes-a-village/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/it-takes-a-village/#respond Mon, 15 Aug 2022 09:25:25 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1504

Ich sitze in einem Café in Frankreich. Um mich herum ein reges Geplapper. Heute Morgen war ich ‚im Internet‘. Wie unterschiedlich diese Erfahrungen sind.  Nun lassen sich Birnen schlecht mit Äpfeln vergleichen, und doch tun wir dies oft. Arbeiten im Büro und Homeoffice z. B. sind sich ähnlich, Gemeinschaft suchen auf sozialen Netzen oder im […]]]>

Ich sitze in einem Café in Frankreich. Um mich herum ein reges Geplapper. Heute Morgen war ich ‚im Internet‘. Wie unterschiedlich diese Erfahrungen sind.  Nun lassen sich Birnen schlecht mit Äpfeln vergleichen, und doch tun wir dies oft. Arbeiten im Büro und Homeoffice z. B. sind sich ähnlich, Gemeinschaft suchen auf sozialen Netzen oder im Café z. B., Lesen in der Bibliothek oder Recherchieren im Internet. Das sind Äpfel und Birnen, ähnlich und doch kategorial verschieden. Im Internet sind wir letztlich jedoch alleine. Wir können virtuell interagieren, unser Bild, unsere Bewegung und unsere Stimme können mitgeteilt werden, physisch jedoch sind wir getrennt. Das wird auch das Metavers nicht grundsätzlich ändern, und hier stieß auch die Matrix an ihre Grenzen.

Heute Morgen habe ich aber über Adrenalin nachgedacht. Wie unterschiedlich sich das ‚alleine‘ vor dem Bildschirm oder in einem Café anfühlt. In einem Raum mit Mitmenschen transformiert sich dieses Gefühl von Stress und Angst in Aufregung. Ich frage mich, ob sich aus dieser Beobachtung etwas ableiten lässt. Was heißt es einsam oder gemeinsam im virtuellen oder realen Raum zu sein?

‚A soul at work‘ ist der Titel eines Buches von Agamben. Wir sind dem Netz bloß anhängig, füttern es und die kommerzielle Wertschöpfung erfolgt bei den großen Techunternehmen und politischen Demagogen. Sind wir emotional und hormonell nicht noch in der Steinzeit? Können wir unsere Biochemie kognitiv wirklich ändern? Wie lässt von hier aus Foucaults Begriff der Biopolitik neu verstehen?

Zwar können wir unsere Gefühle auch durch Meditation leiten, transformieren und verstehen, aber diese Einsamkeit der Meditation ist getragen in einem größeren Bewusstsein, sie ist etwas anderes als das Ausgeliefertsein gegenüber eines Bildschirms. Eigentlich geht es doch bei der Medienkunst um diese grundsätzliche Erfahrung. Die ästhetische Erfahrung in den Kunsttempeln gibt uns den sozialen Raum, innerhalb dessen wir uns auf die Potenziale und Irritationen des Digitalen, Virtuellen, Telematischen, Kollektiven und Vereinzelten einlassen können.

It takes a village: Die Gemeinschaft, die Interaktion mit Kindern, das Teilen eines sozialen Raums – diese sind Korrektive für unseren Hormonhaushalt.

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Wachstumsschmerzen https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachstumsschmerzen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachstumsschmerzen/#respond Fri, 12 Aug 2022 12:34:31 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1403

Ein intensiver Monat endet. Umzug, räumliche Trennung, Freunde, die sich trennen, die Liebe von Patenkindern, neue Freundschaften, Sehnsüchte, Warten… Ich könnte ein Drehbuch schreiben über die letzten Wochen in der Provence. Jeder Tag gefüllt von Schmerz, Mitgefühl und Liebe – kollektiv in verschiedenen Konstellationen. Ich möchte aber nicht diese kleinen Geschichten erzählen, obgleich Marcel Pagnol […]]]>

Ein intensiver Monat endet. Umzug, räumliche Trennung, Freunde, die sich trennen, die Liebe von Patenkindern, neue Freundschaften, Sehnsüchte, Warten… Ich könnte ein Drehbuch schreiben über die letzten Wochen in der Provence. Jeder Tag gefüllt von Schmerz, Mitgefühl und Liebe – kollektiv in verschiedenen Konstellationen. Ich möchte aber nicht diese kleinen Geschichten erzählen, obgleich Marcel Pagnol vielleicht seine Freude daran gehabt hätte.

Was mich beschäftigt, ist die Frage nach dem Schmerz. Leben ist Leiden, sagen Buddhisten – sehr verkürzt. Das Wollen und Verlangen sind die Ursachen für Frustration und Leid. Aber auch das Leben selbst, Durst und Hunger, das Verlangen des Körpers, es erzeugt Leiden. Ich habe das nie ganz verstanden. Ich verstehe, dass Verlangen, das nicht zur Ruhe kommt, immer mehr Verlangen erzeugt. Dieses Verlangen zur Ruhe zu bringen, ist Teil meditativer und spiritueller Praxis. Und die Momente des Glücks? Erzeugen die nur mehr Verlangen, oder können wir diese nicht als solche einfach sein lassen? D.h. im Loslassen genießen können.

Heute traf ich einen Nachbarn. Bei all den Veränderungen im Moment weiß ich immer nicht, wie ich Nachfrage beantworten soll. Meistens sage ich: Ich weiß es nicht. Er hatte das sofort verstanden, er verteidigte mich in der Runde und sagte, er weiß das einfach nicht, das ist es, was es heißt, loslassen zu können. Ich habe mich darüber sehr gefreut.

Wenn wir an etwas sehr hängen, fällt es uns schwer, es loszulassen. Manchmal sind das praktische Zwänge. Wir hatten uns daran gewöhnt. Nun heißt es Abschied nehmen. Das erzeugt Leid. Besser also gar nicht z. B. eine Verbindung eingehen? Und wenn eine Verbindung sich löst, dann einfach gelassen bleiben? Geht das überhaupt? Ist es nicht vielmehr das, was unser Leben ausmacht, diese intensiven Erfahrungen?

Eine Phase vielleicht. Unser geistiges und spirituelles Wachsen durchläuft diese Phasen. Siddhartha wurde nicht im Alter von 5 erleuchtet, sondern als Erwachsener, der schon sehr viel erlebt hatte, vieles gesehen hatte… Wachstumsschmerzen also. Was uns nicht umwirft, macht uns stark? Das ist natürlich Quatsch, im Kern aber doch interessant, denn die Grenzerfahrung lässt uns wachsen. Neues entdecken, es durchleben und dann loslassen können. Nur so können wir uns wirklich entfalten. Schön wäre es, wenn wir in dem Durchleben nicht den Planeten ruinieren. Achtsam bleiben!

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Beichten https://readingdeleuzeinindia.org/de/beichten/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/beichten/#respond Tue, 02 Aug 2022 15:48:49 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1174

Als das Internet der Öffentlichkeit zugänglich wurde, d. h. Mitte der 90er-Jahre, gab es das Phänomen, dass Menschen ihre tiefsten Geheimnisse ins Internet stellten. Die Anonymität, die Einfachheit und die Schnelligkeit waren verführerisch. Die Beichte schnell abgelegt, die Anonymität weitestgehend gewahrt und vielleicht gab es sogar diesen kleinen Nervenkitzel, dass vielleicht jemand, den man kennt, […]]]>

Als das Internet der Öffentlichkeit zugänglich wurde, d. h. Mitte der 90er-Jahre, gab es das Phänomen, dass Menschen ihre tiefsten Geheimnisse ins Internet stellten. Die Anonymität, die Einfachheit und die Schnelligkeit waren verführerisch. Die Beichte schnell abgelegt, die Anonymität weitestgehend gewahrt und vielleicht gab es sogar diesen kleinen Nervenkitzel, dass vielleicht jemand, den man kennt, die Geheimnisse liest, ohne zu wissen, wer dahintersteckt. Diese Tele-Beichten, waren kathartisch. Heute hat sich das umgekehrt: Alle sollen sehen, was man tut, ohne mitzubekommen, was man wirklich denkt. Auch das mit der Anonymität hat sich geändert.

Etwas zu schreiben, ohne den eigenen Namen zu verwenden, hat etwas Ähnliches. Natürlich könnte jeder über den Domaininhaber die Identität ausfindig machen, darum geht es aber gar nicht. Spannend ist das öffentliche Schreiben. Das eigene Ich in den Hintergrund zu stellen, und die Gedanken sich selbst organisieren zu lassen. Es ist vielleicht sogar eine Art Meditation, bei der es ja auch viel darum geht, das eigene Ichbewusstsein ein Stück weit zu überwinden und in ein größeres kollektives einzutauchen. Diese Faszination strahlte am Anfang auch das Internet aus. In den 60ern waren es die kybernetischen Systeme, die diese Gedanken anregten.

Auf dieser technischen Ebene der Vernetzung beruhen viele Sci-Fi-Bücher und -Filme: Dune, Matrix, Neuromancer… Es gibt natürlich eine ganze Literaturgeschichte von Netzliteratur. Im Silicon Valley hat sich hieraus eine ‚Technikspiritualität‘ einer radikalen Rationalität im Geiste Ayn Rands in Form eines technischen Turmbaus von Babel entwickelt. Sie hat sich in eine Dystopie verwandelt, in der das Individuum zum Sklaven der Technik wird. Giorgio Agamben schrieb über den Homo Sacer. Unsere ‚Seele‘ wird zum ökonomischen Objekt.

 

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Träume https://readingdeleuzeinindia.org/de/traeume/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/traeume/#respond Thu, 28 Jul 2022 13:09:26 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1159

Heute träumte ich, dass ich mich abgrenzte. Ich habe in meinem Leben etwas geändert, weil ich es nicht mehr länger mittragen konnte. Mein Traum lieferte mir ein Bild dafür, das ich leicht verstehen konnte. Träume beschäftigen mich schon immer. Ich träume viel, bunt, ganze Geschichten, ich arbeite Situation auf, träume von Dingen, die ich gerne […]]]>

Heute träumte ich, dass ich mich abgrenzte. Ich habe in meinem Leben etwas geändert, weil ich es nicht mehr länger mittragen konnte. Mein Traum lieferte mir ein Bild dafür, das ich leicht verstehen konnte. Träume beschäftigen mich schon immer. Ich träume viel, bunt, ganze Geschichten, ich arbeite Situation auf, träume von Dingen, die ich gerne machen, die aber in der sogenannten Realität unmöglich sind.

Ich war vor einigen Jahren auf einem Kongress. Dort war eine Traum-Trauma-Forscherin, die uns eingeladen hat, morgens gemeinsam zusammenzukommen und das kollektive Träumen zu erkunden. Wir haben Bilder assoziiert, um in ein kollektives Unterbewusstsein vorzudringen. Es war eher spielerisch, ohne wissenschaftlichen Anspruch. Aber es ließ uns alle nachdenken. Gibt es eine andere Realität, die wir so erreichen können? Ich finde den Gedanken spannend. Interessanter als Freuds machohafte Reduzierung der Träume auf antike Sexualitätsbilder. Ich hatte mit Freud immer ein Problem, Frauen seien hysterisch, Kultur sublimierte Sexualität, wir alle litten unter einem Ödipuskomplex etc. Das ist anmaßend, indoktrinierend, besserwisserisch, patriarchalisch etc… Natürlich ist das jetzt sehr stark verkürzt. C. G. Jung hatte da mehr zu sagen: das kollektive Unterbewusstsein, eine gemeinsame Bildsprache des menschlichen Bewusstseins, ein Ozean gemeinsamer Erfahrung und Weisheit. Bei Freud scheint alles darauf hinauszulaufen, dass ein Therapeut seine Patienten heilt, weil er die Probleme kennt und in seinen Patienten in Ordnung bringt. Ein wenig wie bei einem Mechaniker, der ein Auto repariert. Der Mechaniker kennt den Aufbau und kann das Auto wieder in Ordnung bringen, wenn sich etwas verstellt hat oder etwas kaputtgegangen ist.

Wieso fällt uns die Vorstellung so schwer, dass es ein Bewusstsein gibt, an dem wir lediglich teilhaben. Ein Bewusstsein, das zwar fähig ist, sich seiner selbst bewusst zu werden, aber eben nicht darauf reduziert ist?

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Wachsen https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachsen/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/wachsen/#respond Tue, 26 Jul 2022 16:08:32 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1151

Viele Lebensgemeinschaften um mich herum erleben im Moment einen Stresstest. Dabei fällt oft das Wort Midlife-Crisis. Ein blödes Wort finde ich, da es suggeriert, dass das Leben, das individuelle Leben eine Krise hätte. Diese Perspektive verstört mich. Wieso sollte das Leben eine Krise haben? Es scheint doch eher so zu sein, dass Lebensgemeinschaften infrage gestellt […]]]>

Viele Lebensgemeinschaften um mich herum erleben im Moment einen Stresstest. Dabei fällt oft das Wort Midlife-Crisis. Ein blödes Wort finde ich, da es suggeriert, dass das Leben, das individuelle Leben eine Krise hätte. Diese Perspektive verstört mich. Wieso sollte das Leben eine Krise haben? Es scheint doch eher so zu sein, dass Lebensgemeinschaften infrage gestellt werden. Ein Ausbruch, Freiheitsdrang, Selbstverwirklichung, etwas nachholen zu wollen. Auch diese eine Vorstellung, die verstört. War die Vergangenheit falsch? Das wäre eine bedenkliche Vorstellung. Wie kann die Vergangenheit falsch sein?

Vielmehr hat sich doch vielleicht etwas geändert. Diese Veränderung irritiert das Gewohnte, Stabile, den Status quo. Die Frage ist doch eher die: Wieso möchte ich mich verändern und wohin? Ist das, was ich als Veränderung in mein Leben hereinlassen möchte, gut? Nur von dieser Frage aus ergibt es Sinn, den Begriff der Krise zu zitieren. Was, wenn die Veränderung gut ist, was, wenn sie schlecht ist? Wer hat dann jeweils die Krise?

Wir wachsen ständig, wachsen heraus und hinaus. Wir sollten einander dabei unterstützen. Denn dieses Wachsen verursacht Wachstumsschmerzen. Es verursacht Stress an den Bruchstellen. Hier entstehen Wut und Enttäuschung, Angst und Unsicherheit.

Eine externe Veränderung herbeizuführen, ist da vielleicht eher eine Übersprungshandlung. Dann hat das Leben vielleicht schon etwas zu lange geschlafen und die Veränderung nicht mitbekommen. Hier ist Achtsamkeit geboten. Dem Wachsen zuzuhören, um eine Krise zu verhindern.

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Kollision https://readingdeleuzeinindia.org/de/kollision/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/kollision/#respond Fri, 22 Jul 2022 12:25:30 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=1146

Es war ein Kraftakt. Wohnung auflösen, Umzug mit Freunden, Dinge unterstellen, neu orientieren, bevor ein neues Kapitel beginnt. Gewohntes verlassen, den Status quo brechen, das tun, was wichtig und richtig ist, ohne Kompromisse einzugehen. Das heißt dann aber auch, Verletzungen zu erleiden und zuzufügen, Dinge zerbrechen und Neues pflanzen. Merkwürdig nur, dass dies einigen Freunden […]]]>

Es war ein Kraftakt. Wohnung auflösen, Umzug mit Freunden, Dinge unterstellen, neu orientieren, bevor ein neues Kapitel beginnt. Gewohntes verlassen, den Status quo brechen, das tun, was wichtig und richtig ist, ohne Kompromisse einzugehen. Das heißt dann aber auch, Verletzungen zu erleiden und zuzufügen, Dinge zerbrechen und Neues pflanzen.

Merkwürdig nur, dass dies einigen Freunden ähnlich geht. Nach Corona ist die Welt eine andere. Wir wollen nicht mehr so leben wie davor. Desillusioniert, Midlife-Crisis, utopisches Denken, Wünsche verwirklichen, die eigene Sterblichkeit erfahren, die Gewissheit verlieren. Eine offene und teils beängstigende Zukunft, Krieg, Klimakrise, sterbende Demokratien, neue Weltordnung.

In der Provence treffen alle diese Kräfte zusammen. Eine historische Landschaft, reich an Kultur, Krieg und Liebe, Schönheit und Zerstörung. Sternenhimmel, glitzernd… das macht bescheiden. Veränderung nicht als Bedrohung wahrzunehmen, sondern als Notwendigkeit. Akzeptanz.

Auf der langen Fahrt führte ich ein Gespräch über spekulatives Denken. Was soll das sein? Wie können wir das machen und warum? Ich frage grundsätzlicher: ist der Kosmos nicht die Realisierung aller Möglichkeiten? Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft. Die gesamte Zeit und alle möglichen Welten in einer Realität. Immanenz. Durch diese fließt nur die Kraft des Bewusstseins. Ein zu-Bewusstsein-kommen bewusstmachen heißt Verbindungen schaffen, nur so ist spekulatives Denken möglich, nur so sind wir frei. Nicht die Atome sind die Kerne des Universums, sondern Bewusstsein.

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Metamorphose https://readingdeleuzeinindia.org/de/metamorphose/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/metamorphose/#respond Wed, 13 Jul 2022 08:10:13 +0000 https://readingdeleuzeinindia.org/?p=973

Ich vollziehe gerade eine Metamorphose. Neulich bei einem Treffen sagte jemand, dass dies eine wundervolle Gruppe von Raupen sei. Ich stutzte. Er sagte, ja … bald werden dies Schmetterlinge sein. Ein Freund sagte mal, die Metamorphose sei ein Gottesbeweis. Wie wäre es sonst zu erklären, dass aus einer Raupe ein Schmetterling in rein evolutionären Schritten […]]]>

Ich vollziehe gerade eine Metamorphose. Neulich bei einem Treffen sagte jemand, dass dies eine wundervolle Gruppe von Raupen sei. Ich stutzte. Er sagte, ja … bald werden dies Schmetterlinge sein.

Ein Freund sagte mal, die Metamorphose sei ein Gottesbeweis. Wie wäre es sonst zu erklären, dass aus einer Raupe ein Schmetterling in rein evolutionären Schritten entsteht? Ist ein solcher Komplexitätssprung evolutionäre überhaupt fassbar? Ich bin kein Biologe und mich hat das auch nur als Gedankenexperiment interessiert. An einen christlichen Gott glaube ich ohnehin nicht.

Der Gedanke der Metamorphose begleitet mich seitdem jedoch ständig. Aus etwas sehr Komplexen entsteht durch Transformation etwas anderes äußerst Komplexes. Mich interessiert, wie das bei Ideen funktioniert. Wie kann aus einer Idee eine andere entstehen? Hat das etwas mit Kreativität zu tun? Muss die ‚alte‘ Idee sterben, um einer neuen Idee Platz zu machen? Stirbt die Raupe, wenn sie zum Schmetterling wird?

Im Abendland haben wir die Idee des Subjekts, aus ihr entstehen Gedanken, in ihm sind die Ideen, seine Energie ist die Triebfeder… Das scheint mir unwahrscheinlich. Ist es nicht vielleicht doch eher so, dass es ein größeres Bewusstsein, ein göttliches Bewusstsein oder absoluter Geist, eine Immanenz ist, die kosmisch wirkt? Ist es nicht vielleicht nicht eher so, dass alles schon immer gleichzeitig existiert. Alle Möglichkeiten real sind und wir nur einen kleinen Teil davon erfahren können?

Können wir in dieses große Bewusstsein eintauchen und unserer Teilhabe bewusst werden?

Ich frage mich in letzter Zeit oft, was ich mit ‚meinen‘ alten Ideen machen soll. Soll ich sie aufschreiben, bewahren, transformieren, die Metamorphose zulassen und dokumentieren? Es scheint hier in diesem Blog Spuren zu hinterlassen.

 

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Abschied https://readingdeleuzeinindia.org/de/abschied/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/abschied/#respond Sat, 02 Jul 2022 20:42:19 +0000 https://deleuzeinindia.org/?p=787

Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Freundin darüber, dass ich von vielen Ideen Abschied nehme. Ich erzählte ihr, dass ich – ganz unwissenschaftlich – meine Erinnerungen besuche und darüber nachdenke, warum ich bestimmte Ideen nicht mehr interessant finde, dass dies oft Ideen sind, mit denen ich mich in meinem Studium auseinandergesetzt habe. Große Ideen! […]]]>

Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Freundin darüber, dass ich von vielen Ideen Abschied nehme. Ich erzählte ihr, dass ich – ganz unwissenschaftlich – meine Erinnerungen besuche und darüber nachdenke, warum ich bestimmte Ideen nicht mehr interessant finde, dass dies oft Ideen sind, mit denen ich mich in meinem Studium auseinandergesetzt habe. Große Ideen! Von Kant und Hegel etc. Sie war ganz angetan, von meiner Erzählung und fragte, ob ich dies aufschreibe. Ich sagte: Warum? Ich nehme ja Abschied. Sie war enttäuscht. Wollte Sie nachprüfen, ob ich recht habe diese Ideen hinter mir zu lassen? Wollte Sie, dass ich mich mitteile, sodass andere folgen könnten, oder wollte Sie einfach nur, dass ich zum Schriftstellerkollegen werde? SIE riet mir zu einem Blog.

Die Idee, von der ich Abschied nahm, als ich davon erzählte, war keine kleine Idee. Es war Kants Idee des transzendentalen Ego. Die Vorstellung, dass es ein Ich geben muss, das all meine Gedanken begleiten können muss. Dieses Ich macht diese Gedanken nicht nur mir selbst bewusst, sondern integriert sie auch in einer Identität. Zugleich ist dieses Ich jedoch nicht bloß Teil meiner bewussten Erfahrungswelt, dann wäre es ja flüchtig, würde im Schlaf verloren gehen. Mir wurde auf einer langen Zugfahrt nach Frankreich klar, dass es soetws ähnliches geben muss. Ein Ankerpunkt, gewissermaßen. Von hier zu Hegel und der Phänomenologie des Geistes. Jedoch merkte ich, dass der Idealismus mich nicht mehr interessierte. Besonders der deutsche. Das Bewusstsein ist in Deutschland ein romantisches, und gefährliches. Es ist subjektiv.

Darum lese ich nun Bücher aus Indien. Ich finde Friedhöfe faszinierend und suspekt. Merkwürdige Ankerplätze.

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Mögliche Welten https://readingdeleuzeinindia.org/de/moegliche-welten/ https://readingdeleuzeinindia.org/de/moegliche-welten/#respond Sat, 02 Jul 2022 14:13:46 +0000 https://deleuzeinindia.org/?p=781

Die beste aller möglichen Welten? Als ich in Heidelberg Philosophie studierte, las ich über die Logik von möglichen Welten. Alles Mögliche sei auch real, nur eben für mich im Moment nicht zugänglich. Dies war eine Antwort auf ein aussagenlogisches Grundproblem, nämlich dass ein „Wenn …, dann‘  Satz – mit einer falschen Prämisse und einer wahren […]]]>

Die beste aller möglichen Welten?

Als ich in Heidelberg Philosophie studierte, las ich über die Logik von möglichen Welten. Alles Mögliche sei auch real, nur eben für mich im Moment nicht zugänglich. Dies war eine Antwort auf ein aussagenlogisches Grundproblem, nämlich dass ein „Wenn …, dann‘  Satz – mit einer falschen Prämisse und einer wahren Konklusion – insgesamt wahr sei.

In der Aufklärung des Abendlandes gibt es bei Leibniz die Annahme, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Dies sei extrem verkürzt, ein Gottesbeweis. Alles spiegelt sich in allem. Er nannte das Monaden.

Im Ursprung des Seins ist jedoch schon die Möglichkeit alles Seins enthalten, wie sollte es auch anders sein? Die Vorstellung von Fortschritt, dass am Anfang nichts war und es irgendwo immer mehr und besser wird, ist ja rational nicht nachvollziehbar, wenngleich es die Grundannahme einer großen Anzahl wissenschaftlicher Theorien zu sein scheint.

Wir leben nicht in der besten aller möglichen Welten, wir leben auch nicht in einer Welt des Fortschritts. Wir sind Teil eines Seins, das immer schon alle möglichen Welten enthält.

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